Ironman Texas

Ironman Pro Serie Texas

Heiss, schwül und ein stark besetztes Teilnehmerfeld. Genau die Art von Rennen, vor der ich mich nie scheute. Nach dem Podiumsplatz in Dallas war ich zuversichtlich und bereit – aber bei einem Ironman kann alles passieren.

Der Wecker klingelte um 3:30 Uhr morgens. Frühstück: kalter Kartoffelbrei. Nicht gerade glamourös, aber wirksam. Dann die letzten Vorbereitungen für einen Tag, von dem ich wusste, dass er lang, hart und sehr heiss werden würde. Ich hatte meine Ernährung bis ins kleinste Detail geplant – dieses Mal war ich mir sicher, dass Krämpfe kein Thema sein würden.

Die Ankunft in T1 ist immer ein Erlebnis: Hunderte von Athleten laufen im Dunkeln mit schweren Rucksäcken und nervösen Gesichtern umher. Ich war froh, dass ich meine Stirnlampe dabei hatte – sie machte es deutlich einfacher, alles sauber und strukturiert aufzubauen. Ich hatte fast 4 Liter Flüssigkeit auf dem Rad dabei und plante 140 g Kohlenhydrate pro Stunde. Das Rad fühlte sich schwer an, aber ich wusste: Dieses Gewicht war mein Ticket zu einem starken Rennen.

Swim

Es war noch dunkel, als wir ins Wasser gingen – und das Wasser war noch dunkler. Die Sicht war praktisch null. Bei rund 80 Athleten und sehr wenig Platz war der Start hektisch: ständiger Körperkontakt, überall Leute, jeder versuchte einfach nur, die ersten Minuten zu überstehen.

Als ich das anfängliche Chaos hinter mir gelassen hatte, entdeckte ich die farbigen Badekappen meiner Schwimmpartner Schombi und Marten Van Riel. Das war mein Signal – ich war genau am richtigen Ort. Wir bildeten eine Linie und begannen, uns nach vorne zu arbeiten.

Aber nicht entschlossen genug. Ich spürte, wie Athleten versuchten, sich an meine Hüfte heranzuschieben. Das ist die unangenehmste Position – wenn sie dort hinkommen, bremsen sie dich aus und können dich im schlechtesten Fall überholen. Dann bist du sofort wieder im Kampf um deine Position.

Also machte ich klar, dass es heute keinen einfachen Weg nach vorne geben wird – ganz nach Gandalf: „You shall not pass.“ Mit gezieltem Beinschlag nach links und rechts verteidigte ich meine Linie.

Der Führungswechsel an der Spitze waren kurz, und etwa 2 km vor dem Ziel befand ich mich vorne. Ich gehe nicht an die Spitze, um irgendeinen Bonus zu holen – ich gehe nach vorne, weil ich helfen will, eine starke Spitzengruppe zu formen. Dort entscheidet sich mein Rennen.

Der Plan war, auf den letzten Metern noch einmal richtig Druck zu machen. Gleichzeitig kam der Gedanke auf, ob ich die Gruppe genug auseinanderziehen kann. In diesem Moment kam Van Riel noch einmal nach vorne. Das gab mir genau die Sekunden, die ich brauchte, um mich kurz zu erholen, bevor ich für den finalen Push wieder übernahm.

Jede Sekunde zählt – besonders, wenn einige der besten Athleten der Welt direkt hinter dir sind, vielleicht alleine schwimmen und dabei Zeit oder Energie verlieren. Genau dort wollten wir sie haben.

Bike

Dank eines schnellen Wechsels konnte ich mich direkt an Van Riels Hinterrad hängen – ein perfekter Start.

Das Fahren in der Gruppe fühlte sich kontrolliert an. Sauber durch die Kurven, keine grossen Leistungsspitzen, und ich konnte mich gut erholen. Alles passte, und die ersten 90 km vergingen fast schon zu leicht.

Dann hatte ich zum ersten Mal in einem Rennen wirklich Pech. Ein Platten.

Wahrscheinlich durch einen Stein oder eine Schraube mitten auf der Strasse. Zum Glück ging der Radwechsel schnell – ich verlor etwas mehr als eine Minute – und fuhr direkt wieder auf die drei Norweger auf. Sie arbeiteten hart daran, die Spitzengruppe einzuholen, und ich war überrascht, dass sie noch nicht aufgeschlossen hatten. Genau deshalb ist das Schwimmen so entscheidend.

Sie hatten den Anschluss an die Spitze verpasst und fuhren hart. Und mit hart meine ich hart.

Ich war froh, bei ihnen zu sein – aber leider spürte ich den Unterschied sofort: Ich sass nun auf einem schweren Trainingsrad, und brauchte mehr Watt fürs gleiche Tempo. Noch überraschender war, wie viel schwerer es war, ausserhalb der Gruppendynamik zu fahren, die ich zuvor hatte.

Meine Durchschnittsleistung auf dem Garmin sprang innerhalb weniger Minuten von etwa 295 W auf über 305 W. Diese Jungs müssen in der ersten Hälfte richtig Druck gemacht haben. Ich konnte das Tempo nicht halten. Ich fiel ans Ende der Gruppe zurück … und dann ganz ab.

Dieser Moment trifft einen hart. Man denkt: Das war es, das Rennen ist vorbei.

Ich fühlte mich komplett ausgelaugt, das Rad fühlte sich an, als würde es mich zurückhalten, und der Abstand begann zu wachsen. Aber anstatt aufzugeben, habe ich mich neu sortiert. Fokus auf meine eigenen Werte. Schritt für Schritt stabilisierte ich mich wieder und hielt das Ende der Gruppe zumindest noch in Sicht. Aber ab Kilometer 140 lief ich nur noch auf Reserve. Genau so fühlte es sich an.

Wenn ich die Augen schloss, drehte sich alles um mich herum – als stünde ich auf einer Tanzfläche. Das Einzige, was mir noch blieb, war Konzentration. Jeden Kilometer herunterzuzählen. Einfach nur bis zum T2 durchhalten.

Run

Ich hatte es geschafft – aber ich war völlig fertig. Trotzdem kam mir kein Gedanke ans Aufgeben. Ich musste weiterlaufen.

Es wurde zum härtesten Marathon, den ich je gelaufen bin. Nicht nur körperlich, sondern auch in Bezug auf die Energiezufuhr. Der Plan lag bei 120 g pro Stunde, aber am Ende waren es eher 150 g pro Stunde mit Cola und Riegeln, einfach um irgendwie in Bewegung zu bleiben.

Ich hatte auf dem Rad zu viel Druck gemacht, um wieder aufzuschliessen – meine Beine mussten dafür bezahlen. Eine Zeit lang neben Arnold zu laufen, hat mir sehr geholfen. Das gemeinsame Leiden machte es einfacher, weiterzulaufen. Aber irgendwann musste jeder seinen eigenen Kampf führen.

Die Ziellinie zu überqueren war pure Erleichterung. Ironman ist brutal. Jeder Zieleinlauf – egal ob schnell oder langsam – ist ein Beweis für mentale und körperliche Stärke. Respekt an alle da draussen, besonders an diejenigen, die einen Vollzeitjob und das Training unter einen Hut bringen.

Auch wenn ich mir im Ziel gesagt habe, dass ich das nie wieder machen würde … die Mission lebt weiter:

Kona.

Nächster Halt: Frankfurt. Zeit für Revanche.